Vorbemerkung:
Dies ist weder Gore noch Horror. Es ist ein Aufsatz, den ich für
ein Literaturseminar geschrieben habe, und er hat meiner Deutschdozentin
aller Haare zu berge stehen lassen...obwohl ich wirklich versucht
habe, nett zu sein.
Endlich...
Ich liess mich in das Bett fallen und schloss die Augen. Die Reise
hatte mich ermüdet, und ich war einfach nur froh, endlich schlafen
zu können, auch wenn dieses Hotel bestimmt schon bessere Tage
gesehen hatte und die Matraze unter mir bei jeder Bewegung quietschte.
Doch das war mir in jenem Moment herzlich egal, und der Schlaf sickerte
unaufhaltsam in meine Gedanken. Ein lauter Knall ertönte im
Zimmer nebenan, und ich stöhnte entnervt. Aber da ich derart
müde war, dass mich schon die bizarren (aus der heutigen Sichtweise
wäre das Wort "beängstigend" wohl angebrachter,
aber so dachte ich damals natürlich noch nicht) zuvor nicht
davon abgehalten hatten, mich in dieses Hotelbett zum Schlafen niederzulegen,
konnte mich ein Knall natürlich nicht zum Bett heraustreiben,
und das kurz darauffolgende Rumpeln im Nebenraum
nahm ich nur noch verschwommen wahr.
Der dritte Knall hingegen war so laut, dass ich wieder wach wurde.
Ächzend setzt ich mich auf und massierte mir die Schläfen.
Ich brauchte unbedingt genügend Schlaf, um am nächsten
Tag für das Treffen mit Gruber einen klaren Kopf zu haben,
und fragte mich, ob ein dreimaliges Poltern bereits ausreichte,
um mich zu beschweren. Die Antwort darauf kam unverzüglich:
Im Nebenzimmer ertönte ein lauter Knall, ein Schrei, und dann
ein seltsam glitschiges Geräusch, als ob eine gigantische Schnecke
über den Boden kröche.
Da es mir nach wie vor zu kleinkarriert erschien mich an der Rezeption
beim Portier zu beschweren, drehte ich mich einfach um und hämmerte
mit der Faust gegen die Wand hinter dem Kopfende meines Bettes.
Unverzüglich trat im Nebenraum Stille ein. Ich wartete noch
einige Augenblicke lang, dann liess ich mich - immer noch leicht
verärgert - zurück in mein Bett sinken und dämmerte
bald darauf in den Schlaf hinüber.
Dies ist wohl ein guter Moment, um kurz, und dem Leser dieses Textes
einige Dinge zu erläutern.
Ich war ein mit beiden Beinen auf dem Boden stehender Geschäftsmann.
Zwar ist meine Phantasie nicht gerade klein, doch sie äusserte
sich in der Regel dadurch, dass ich mit ihrer Hilfe kreative Ideen
zur Lösung beruflicher Probleme fand. Keinesfalls hätte
ich mich als Träumer als Phantast oder gar las Esotheriker
bezeichnet, und ich pflegte über reisserische Berichte über
unerklärliche Phänomene milde zu lächeln. So kam
ich gar nicht in Versuchung, mich von jenem Zeitungsartikel, den
ich auf der Hinfahrt im Zug in einer gefundenen Boulevardzeiung
aus Langeweile gelesen hatte, zu wilden Spekulationen anregen zu
lassen. "Todeshotel mit Sektenführer" ist eine ziemlich
peinliche Schlagzeile, vor allem angesichts der Tatsache, dass es
im letzten halben Jahr zu gerademal drei Todesfällen kam, wobei
aber einer auf eine selbstverschuldete Pilzvergiftung und einer
auf das Aussetzen eines Herzschrittmachers zurückzuführen
war. Auch die Behauptung, der Eigentümer des Hotels sei Mitglied
einer obskuren Vodoo-Gruppierung, beeindrukte mich wenig, aber damals
beeindruckte mich sowieso praktisch nichts, wenn es um etwas ging,
dass solche Leute machen.
Schliesslich war ich ein vernünftiger Mensch, und gerade angesichts
des Umstandes, dass die Medien in jener Zeit mit der Sogenannten
"Saure-Gurke-Zeit" zu kämpfen hatten, hatte ich den
Artikel unmittelbar nach dem Lesen wieder vergessen. Meinem Unterbewusstsein
musste er jedoch mehr Eindruck gemacht haben, denn er schlich sich
in meine Träume. Ich sah mich in meinem Hotelbett liegen, das
jetzt absurderweise auf einer Waldlichtung stand. Das heisst, Waldlichtung
ist eigentlich der falsche Begriff, es war ein grosser Kreis aus
Tannen und hüfthohen Dornenranken, umschlossen von einer steinigen
Wüste. Ich wollte aufstehen, doch ich konnte nicht, denn etwas
dickes, das sich irgendwie nicht wie ein Seil anfühlte hatte
mich ans Bett gefesselt.
Es war eine Schlange!
Einen entsetzten Moment lang dachte ich, sie würde mich beissen,
doch sie blickte mich nur träge an. Erst als sie den flachen
Kopf hob, als wolle sie lauschen, hörte ich ebenfalls das Geräusch:
Hunderte von nackten Füssen, die sich mir näherten.
Die Menschen tauchten in meinem Blickfeld auf. Sie schienen fremdartig,
mit dunkler Haut (die im Sternenlicht grünlich wirkte), vollen
Lippen und grossen, schrägstehenden Augen, doch wirkten sie
weder negroid noch asiatisch noch indianisch, als gehörten
sie einer Rasse an, die nicht (mehr) existiert.
In den Händen trugen sie Musikinstrumente; hauptsächlich
Trommeln und primitive Harfen, doch einer hatte ein riesiges Blasinstrument
geschultert, das offenbar aus einem Mammutknochen geschnitzt worden
war.
Dieses Volk bildeten einen engen Kreis um mein Bett, und einige
– diejenigen mit den Harfen - setzten sich auf den Boden und
verschwanden so aus meinem Blickfeld.
Derjenige mit dem Knochenhorn setzte sein Instrument an die Lippen
und brachte einen langen, dumpfen Ton hervor, was für das sonderbare
Orchester offenbar ein Signal gewesen war, denn sie alle begannen
nun zu spielen, ein Lied, dass mich irgenwie an Volksmusik erinnerte,
obwohl ich nicht sagen konnte, aus welcher Kultur es stammen mochte.
Ein Mädchen betrat den Kreis und begann zu tanzen. Sie war
sehr schön mit ihrem hüftlangen, schwarzen Haar, in das
sie Perlen und Rubine geflochten hatte, und sie bewegte sich mit
einer Anmut von solcher Sinnlichkeit, wie ich es noch nie zuvor
erlebt hatte. Allmählich wurde der Rhythmus des Liedes schneller,
und während diese noch sehr junge Frau um mein Bett herum tanzte,
Haare und Hüften im Takt der Musik schwang, keimte in mir allmählich
die Hoffnung auf, dieser absurde Traum würde sozusagen von
"bizarr" zu "feucht" wechseln.
Doch solch einen Spass wird einem in einem solchen Hotel nicht vergönnt,
denn das Mädchen stieg zwar tatsächlich auf mein Bett
und liess sich sogar auf meinem Bauch nieder, doch war es vor allem
an der Schlange interessiert. Sachte strich sie über den Kopf
des Reptils, dann hob sie wie eine orientalische Tänzerin die
Arme schlangengleich über den Kopf und begann einen Rhythmus
zu klatschen.
Und die Schlange nahm ihn auf. Ihr Leib zuckte rhythmisch, und ihr
Kopf schlängelte sich in die Höhe, auf die klatschenden
Hände zu, so dass sie ihre Windungen um mich ruckartig enger
zog. Ich fühlte Rippen splittern und japste. Doch die Tänzerin
hörte nicht auf, mich mit ihrem Vieh zu erdrücken, so
versuchte ich mich der Schlange zu entledigen, strampelte, schrie
- und erwachte natürlich.
Einen Moment lang fand ich mich weder in der neu gefundenen Wirklichkeit
noch in der immer noch lebendigen Erinnerung des Traumes zurecht,
und dann begriff ich, wie ich in diesen Nachtmahr geschlittert war!:
Im Nebenzimmer
ertönte Getrommel! Und nicht nur Trommelschläge, sondern
auch die feineren Klänge von Darmseiten, untermalt von einen
dumpfen Dröhnen.
Der Zorn des Begreifens weckte mich endgültig. Entweder es
Ausländer oder zugedröhnte Hippies, kein anständiger
Mensch veranstaltete kurz nach Mitternacht ein Konzert in einem
Hotelzimmer! Ich fuhr hoch, wirbelte herum und hämmerte wütend
gegen die Wand.
Schlagartig verstummte der Radau. Doch ich kam nicht dazu, mich
grollend wieder auf die Matratze sinken zu lassen, denn diese "Musik"
setzte erneut ein.
Das war zuviel!
Ich sprang aus dem Bett, hielt mich nicht damit auf, nach Schuhen
oder Morgenrock zu suchen, sondern verliess wutentbrannt das Hotelzimmer.
Als ich die Tür hinter mir zuschlug, bemerkte ich, dass das
Getrommel nicht nur aus dem Zimmer neben dem meinen kam, sondern
aus allen Richtungen.
Als hätte sich ein Kreis aus Musikanten um mich geschlossen.
Spätestens jetzt hätte ich eigentlich in Betracht ziehen
müssen, das hier etwas ...nun, sagen wir übernatürlich,
obwohl der Begriff nicht ganz passend ist, also dass etwas übernatürliches
vor sich ging. Immerhin bin ich selbst jetzt noch ein Teil des "natürlichen".
Aber hätte ich, selbst wenn ich dazu herabgelassen hätte,
so etwas in Betracht zu ziehen, hätte ich den Worten des Portiers
mehr Beachtung geschenkt? Und hätte ich die richtigen Schlüsse
daraus gezogen? Ich bezweifle es. Der Alte ist mehr als ein bisschen
schrullig, und redet des Öftern wirr.
Aber ich war wohl auch einfach zu zornig, um irgend eine andere
Verbindung zwischen dem Traum und der Musik zu erkennen als dass
ich diesen Hotelgästen meinen Alptraum - und morgen beim Gespräch
mit Gruber einen schweren Kopf - verdankte, und so stürmte
ich auf den Lift zu, fuhr zähneknirschend in die Eingangshalle
hinunter und mässigte meinen Gang kaum, als ich auf den alten
Mann hinter dem Empfangschalter losging.
"Die Leute im Zimmer neben meinem" begann ich loszuschimpfen,
ehe er den Blick von der Zeitung erhoben hatte, "die feiern
irgend eine verdammte Party, machen einen Höllenradau und ich
morgen früh aufstehen! Ich habe morgen ein wichtiges Meeting!"
Der Alte starrte mich dümmlich an. Im Hintergrund regte sich
etwas. Eine sehr junge Frau - im ersten Augenblick dachte ich, es
wäre eine Thay-Hure - trat in das Licht der bläulich getönten
Lampen, und mein Atem stockte.
Diese Frau konnte keine Prostituierte sein.
Sie schien fremdartig, mit dunkler Haut (die in diesem Licht grünlich
wirkte), vollen Lippen und grossen, schrägstehenden Augen,
doch wirkte sie weder negroid noch asiatisch noch indianisch, was
vielleicht daran liegen mochte, dass
sie eine schmale, kleine, spitze Nase hatte, als ob sie alle Rassen
in sich vereinen würde.
Und obwohl sie ein sehr knappes weisses Kleid und billige Perlen
und rote Strasssteine im hüftlangen Haar trug, war sie unvorstellbar
schön. Nicht von der billigen Schönheit einer Käuflichen
und auch nicht von der lebenssprühenden Schönheit eines
herausgeputzten Teenagers am Freitag Abend, sondern von der stillen
und stolzen Schönheit einer...Priesterin?
"Lärm?" fragte sie und es dauerte einige Sekunden,
bis ich begriff, was diese Frage sollte.
"Jja..." stammelte ich, und mir schwindelte beinahe von
ihrer Gegenwart.
"Lärm." Sagte ich und meine Stimme wurde fester,
"Lärm. Meine Zimmernachbarn..." "Ich verstehe."
Sagte sie, wandte sich von mir ab, öffnete eine Tür und
verschwand dahinter. Benommen blieb ich stehen, bis der Alte ein
krächzendes Keuchen austiess und meinen Blick auf sich zog.
Er grinste mich an. "Sammeln sie etwas?" fragte er mit
übertrieben listigem Gesicht.
Ich starrte ihn perplex an.
"Sammeln sie nichts?" fragte er, und grinste noch breiter.
"Ich sammle sehr gerne."
Da ich fürchtete, er würde noch irrer werden, wenn ich
ihn ignorierte, fragte ich gezwungen, was er denn sammle.
Er fuchtelte mit dem Zeigefinger vor meinem Gesicht herum und senkte
geheimnisstuerisch die Stimme: "Das wirst du noch sehen, mein
Sohn." Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und verkündete
dramatisch: "Das wirst du bestimmt noch sehen." Links
von mir ging eine Tür auf und SIE erschien wieder, einen Schlüssel
mit einem auffälligen Halloween-Kitsch-Gespenst als Anhänger
in der Hand baumeln lassend.
"Ich werde mitkommen und für Ruhe sorgen", erklärte
sie im Vorbeigehen und steuerte auf den Lift zu. Ich blickte verzückt
auf ihre langen, goldbraunen Beine mit dem seltsamen Grünschimmer,
auf die schlanken, sehnigen Fesseln und die nackten Füsse und
lief ihr nach.
Auf der Fahrt zurück in den dritten Stock suchte ich krampfhaft
nach Worten, doch das bisschen Unsinn, das mir durch den ansonsten
leergefegten Kopf zuckte, hätte ich niemals gewagt auszusprechen.
Als die Türen des Liftes auseinander glitten, brauchte ich
einige Momente, um zu bemerken, dass die Musik verstummt war. Ich
kam mir unglaublich tölpelhaft vor.
Die junge Frau jedoch trat ohne eine Bemerkung an mir vorbei und
aus dem Lift hinaus, um geradewegs auf mein Zimmer zuzugehen. Sie
schloss die Tür auf - ich hatte in meinem Zorn vorhin ohnehin
den Schlüssel vergessen – öffnete sie, machte eine
einladende Geste und trat einen Schritt zurück, so dass ich
- bezwungen von ihrem hellgrünen Blick - durch die Tür
tappte. "Gute Nacht." Flötete sie und schloss die
Tür hinter mir. Ich stand einige Sekunden lang ziemlich verwirrt
in dem kurzen Gang, dann trottete ich mechanisch ins Badezimmer,
knipste das Licht an und trat zur Toilette. Ich klappte den
Deckel hoch - und schrie.
Ich torkelte rückwärts, stolperte, fing mich im Sturz
und drehte mich gleichzeitig, rannte aus dem Badezimmer, riss panisch
die Tür auf und fiel förmlich in den Hotelflur hinein.
Die wunderschöne junge Frau hatte gerade die Tür zu meinem
Nachbarzimmer geschlossen und blickte mich leicht verwundert, aber
immer noch sehr ruhig an.
"Ist etwas geschehen?" fragte sie.
"Schlange im Klo!" Japste ich und begriff sogleich, wie
das klang. Doch anstatt mich anzusehen, als ob ich komplett verrückt
wäre, kam sie sanft lächelnd auf mich zu und half mir
auf.
"Dann werden wir sie entweder einfangen oder verscheuchen müssen."
Ich stand nun wieder auf meinen Beinen, doch sie nahm ihre Hände
nicht von mir. "Ich werde dir helfen." Hauchte sie. "Ich
kenne mich aus mit Schlangen."
Benommen liess ich mich zurück durch die Tür und ins Badezimmer
führen. Beim Anblick der Toilette zuckte ich zurück, doch
sie zwang mich mit einer Stärke, die ich ihr niemals zugetraut
hätte, weiter auf dieses marmorne Behältnis
meines Grauens zuzugehen und in seine Tiefen hinabzublicken.
Die Schlange war immer noch da. Ein riesiges, schwarzes Untier mit
monströsen Zähnen, schlimmer als in meinem Traum, das
niemals in einer Toilettenschüssel PLATZ HABEN KONNTE. Und
dennoch schlängelte es sich heraus und auf mich zu, und ich
konnte nicht fort, da diese Frau hinter mir stand und mich mit stählernem
Griff an beiden Oberarmen fest hielt. Die Schlange drängte
ihren grossen Kopf zwischen meinen und ihren Körper, und ich
dachte entsetzt, dass sie mich beissen würde, doch sie wand
sich nur um mich, fesselte mich, bis die Priesterin mich loslassen
konnte. Sie hob die Arme und begann zu klatschen, und die Schlange
begann rhythmisch, ihre Windungen um mich enger zu ziehen.
Meine Panik drohte mich zu ersticken, meine Kräfte liessen
nach. Ich wehrte mich nur noch schwach und reflexartig gegen die
Schlange und hörte den fernen, lockenden Klang von Trommeln
und Harfen und einer Knochenflöte, der durch meine Angst sickerte.
Er war wie ein Irrlicht im tödlichen Nebelmoor, und ich folgte
ihm.
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