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Aschenputtel

Sie stand am Rande der Tanzfläche und starrte auf die Paare.
Die Knochen unter der weissen Haut bleischwer und porös, bereits zerfressen von der Krankheit. Unfähig, sich in dem geborgten Kleid aus rotem Brokat zu bewegen stand sie neben der Tür, die in den Höhlen zurückgesunkenen Augen auf die Tanzenden gerichtet.
Plötzlich durchbrach jemand den Bann aus Unsichtbarkeit, der um sie zu liegen schien.
Er sah gut aus und war edel gekleidet, und sie ertappte sich bei dem Gedanken, dass er fast zu schade zum töten war. Galant verbeugte er sich vor ihr, lächelte strahlend und fragte sie, ob sie tanzen wolle.
Sie erwiderte sein Lächeln nicht und beantwortete seine Frage mit einem Kopfschütteln.
"Ist euch nicht gut?"; fragte der junge Edelmann, denn sie sah nicht gut aus: ihre Blässe, die sich über ihre Wangenknochen spannte und die dunklen, eingesunkenen Augen liessen sie nahezu tot aussehen. Einzig ihr volles schwarzes Haar wirkte lebendig.
"Ich möchte an die frische Luft"; sagte sie leise, und der junge Mann erschauerte ab ihrer rauhen, tiefen Stimme. Er bot ihr seinen Arm und führte sie auf den Balkon hinaus, nicht ohne einen letzten Blick auf die Tanzfläche zu werfen, wo Aschenputtel endlich mit dem Prinzen tanzte.
Die leichenhafte Frau torkelte plötzlich auf das Geländer zu, griff danach und sackte zusammen. Schwer atmend lehnte sie gegen das Geländer, die fast durchscheinenden Lider geschlossen. Der junge Mann beugte sich zu ihr herunter.
"Fehlt euch etwas?" fragte er bestürzt und beugte sich näher zu ihr und neigte sein Ohr nahe an ihre dunklen Lippen.
"Ich sterbe" hauchte sie krächzend und als er den Kopf drehte und sie ansah, sah er sie lachen.
"Nein" keuchte sie dann und ihre Stimme klang plötzlich kräftiger, "Ich bin schon tot"
Und mit diesen Worten griff sie nach seinem Kopf, legte beide Hände flach auf die Seiten seines Gesichtes und hielt ihn so sanft, aber unentrinnbar fest.
Einen Moment lang geschah nichts.
Dann fühlte der junge Edelmann sein Leben aus seinem Körper weichen, fühlte, wie er alterte, und sein Geist und sein Körper zu zerfallen begannen.
Als er nur noch ein seniles, bewegungsunfähiges Wrack war, beugte sich die Kranke über ihn, bohrte ihre langen Fingernägel in seinen Hals und riss einen Brocken Fleisch heraus, worauf stossweise Blut aus der Aorta spritzte. Die Frau stiess den sterbenden hastig von sich, damit er ihr Kleid nicht beschmutzte und hob das tropfende Fleisch umsichtig - Brokat war teuer! - über ihren in den Nacken gelegten Kopf und liess sich das Blut in den weit geöffneten Mund tropfen. Sie presste die Hand zusammen um das Fleischstück auszuwringen, obwohl sie das eigentlich eklig fand. Aber die anderen taten es schliesslich auch, und weitaus exzessiver als sie.
Die Untote säuberte sich Finger und Mund am Hemd des Toten und hob ihn ohne Anstrengung hoch, um ihn über die Balkonbrüstung fallen zu lassen. Anschliessend beugte sie sich über das Geländer, steckte sich Zeige - und Mittelfinger in den Mund und erbrach das wenige Blut, das sie getrunken hatte.
Danach fühlte sie sich sehr gut.
Als sie den Ballsaal wieder betrat, war alles in heller Aufregung, weil soeben erst das fremde Mädchen und gleich anschliessend der Prinz aus dem Saal gerannt waren.
Doch das Töten und das Erbrechen hatten die Untoten in eine Euphorie versetzt, die ihr trotz ihres kranken äusseren eine strahlende Schönheit verliehen.
Sie fand sehr schnell ein neues Opfer.

Evelyne Oberholzer

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