Extremwrestling
Der Lärm war unbeschreiblich,
als Hammerkopf die Halle betrat. Mehrere zehntausend Zuschauer stampften
mit den Füssen und klatschen, brüllten sich die Seele
aus dem Leib und grölten Lieder, so laut sie nur konnten. Sie
wedelten mit Fähnchen und hielten Transparente hoch, sie warfen
mit Konfetti und Papierschlangen. Die Farben der offiziellen Fanclubs
dominierten die Sitzreihen.
Auch die Marschmusik, die aus den Lautsprechern dröhnte und
den Einzug des Gladiators begleitete, konnte sich kaum gegen diese
Menschenmassen durchsetzen, die das Gebäude zum Erzittern und
die Luft zum Kochen brachte.
Diese Leute waren alle nur aus einem einzigen Grund hier, und der
war Hammerkopf, Champion, Weltmeister und grösster lebender
Gladiator auf dem Planeten. Er schritt feierlich zum Ring und genoss
es sichtlich, sich von ihnen feiern zu lassen, er badete in der
Verehrung und Liebe der Zuschauer und besoff sich an seinem Ruhm,
warf sich in Siegerposen und verteilte mit einem fetten Grinsen
Handküsse an die Menge. Hammerkopf wusste, diese Show gehörte
ihm, der Ring gehörte ihm, die Zuschauer, der ganze Saal, die
grossen Bildschirme an den Wänden und die kleinen Bildschirme
in den Häusern der Fernsehzuschauer, das alles gehörte
ihm, war alleine für ihn da. Ihm gehörte die Welt, er
war der Mittelpunkt des Universums, er allein, Hammerkopf, Champion,
Weltmeister, grösster lebender Gladiator!
Mauerhofer sass in der Loge und schaute sich das Treiben durch ein
Fernglas an, sah, wie sein Schützling in den Ring kletterte,
der eine Seitenlänge von zehn Metern hatte, und sich wie ein
König aufführte. Er war stolz auf den Erfolg von Hammerkopf
und er war stolz auf sein Team. Sie hatten sich den Erfolg verdient,
das Geld, die Werbeeinnahmen. Ihr Team war weltweit das wichtigste
und bis zum heutigen Tag ungeschlagen.
Der Schiedsrichter befahl Hammerkopf, sich in seine Ecke zu setzen.
Der Champion setzte sich widerwillig hin. Der Trainer redete auf
ihn ein, die Helfer standen daneben, bereit, sofort herbeizueilen,
wenn der Gladiator nach etwas verlangte. Über einen Kopfhörer
hörte Mauerhofer mit, was der Coach sagte: „Konzentrier
dich auf den Kampf, nimm dich ein wenig zusammen! Nachher kannst
du immer noch angeben!“
Hammerkopf grunzte nur verächtlich, er platzte fast vor Selbstbewusstsein
und war bis obenhin voll gepumpt mit Adrenalin, er war absolut in
seinem Element. Keine Spur von Nervosität. Er war für
dieses Spektakel geboren worden, er liebte es und wollte es in vollen
Zügen geniessen.
„Lass ihn“, wies Mauerhofer den Trainer an. Dieser wurde
still, Hammerkopf lachte.
Jemand tippte auf die Schulter des Teamchefs, er drehte sich um.
„Der Trainer hat gar nicht mal so unrecht“, meinte Jarchow.
Der Chefgenetiker des Teams nahm gerade neben Mauerhofer Platz.
„Unser Gladiator ist unkonzentriert, wenn ihm das Adrenalin
zu Kopf steigt.“
„Und wenn schon, ist doch egal“, brummte der Teamchef
verärgert.
Der Schiedsrichter hatte sich auf die Seitenlinie verzogen, der
Herold war in die Mitte des Ringes getreten. Mit dem Mikrofon in
der Hand wartete er darauf, dass sich die Menge ein wenig beruhigte,
damit er den Gegner ansagen konnte. Doch das Publikum lärmte
noch immer und machte keine Anstalten, zu Ruhe zu kommen.
Mauerhofer schmunzelte und blickte mit dem Feldstecher auf die andere
Seite der Halle. Er wusste, dort sass Raikönen, der Chef der
anderen Mannschaft, in seiner eigenen Loge und beobachtete seinerseits
die Szene. Und wirklich, er konnte den anderen Teamchef sehen, wie
der lächelnd und zufrieden in seinem Sessel hockte.
Lach du nur, dachte sich Mauerhofer, das wird dir vergehen, sobald
der Kampf beginnt.
Neben Raikönen sass Müsseler, dieser verdammte Verräter,
der von Mauerhofers Team zum Konkurrenten übergelaufen war
um dort Chefgenetiker zu werden. Es diesem käuflichen Schwein
heimzuzahlen, allein dafür würde sich der Kampf lohnen.
Dort, auf der anderen Seite der Halle, sah er auch den Eingang,
durch den bald der gegnerische Ringer einmarschieren würde.
„Wir hätten uns nicht darauf einlassen sollen“,
mahnte Jarchow.
„Ach, hör doch endlich auf“, schnaubte Mauerhofer.
„Es ist nichts weiter als ein kleiner, unwichtiger Freundschaftswettkampf.
Den wir natürlich gewinnen werden.“
„Wir wissen aber nichts über den neuen Ringer von Raikönen,
wir wissen nicht, was auf Hammerkopf zukommt. Müsseler ist
ein erstklassiger Genetiker und ich befürchte, dass…“
„Hammerkopf wird gewinnen. Halt jetzt die Klappe.“
Dabei hatte der Genetiker Recht, sie wussten tatsächlich nicht
Bescheid, wer in den Ring treten würde, niemand wusste etwas
Genaues über „Gorirus“. Es wäre aber feige
gewesen, die Herausforderung nicht anzunehmen. Raikönen hatte
ein Recht auf Revanche, nachdem Hammerkopf ihren Gladiator vorheriges
Jahr zu Klump geschlagen hatte. Seltsam war die Geheimniskrämerei,
die Raikönen veranstaltete, allerdings schon und dass sie bereits
wieder eine Ersatz für ihren ausgeschiedenen Kämpfer zur
Verfügung hatten ebenso.
Wahrscheinlich war das nur Show. Hammerkopf wird mit jedem fertig,
er wird mit Gorirus den Boden aufwischen. Müsseler wird für
seinen Verrat büssen und Raikönen wird sein Team nicht
vor dem Abstieg retten können.
Endlich war der Jubel etwas abgeklungen und die Menge hatte sich
soweit beruhigt, dass der Herold seine Ansage beginnen konnte. Obwohl
er in sein Mikrofon schrie, gingen aber die meisten seiner Worte
im Lärm des Publikums unter. Er krakeelte erst irgendwas über
historische Kämpfe und übertrieb auch sonst munter, um
schlussendlich den Gegner mit viel Tamtam vorzustellen. „Hier
ist er nun, meine Damen und Herren, der Herausforderer, der Kämpfer,
der es wagt, sich Hammerkopf zu stellen, dem grossen Weltmeister
und Wunderwerk der Gentechnik! Hier ist er, Gorirus!“
Die Pforte öffnete sich und Gorirus zog in die Halle ein, begleitet
von seinem Trainer und dessen Helfern, während die Lautsprecher
ein pompöses Orchesterwerk spielten.
Der Vergleich war grotesk. Auf der einen Seite Hammerkopf, ein Koloss
von zweieinhalb Meter Grösse und einer halben Tonne Gewicht,
mit gigantischen Muskeln, bewehrt mit Klauen und Raubtiergebiss.
Auf der anderen Seite Gorirus, nicht viel grösser als ein normaler
Mensch, athletisch, aber nicht muskulös, ein Wicht.
Es war ganz still geworden.
Hammerkopf glotzte mit grossen Augen, als könne er kaum fassen,
wer ihn da herausgefordert hatte, wer es da gewagt hatte, sich ihm
zu stellen. Das kleine Gehirn unter seiner flachen Stirn und den
dicken Schädelknochen schien damit überfordert zu sein.
Dann prustete er und lachte schallend. Er lachte über seinen
Gegner mit all der Häme, zu der er fähig war und kriegte
sich kaum wieder ein.
Gorirus kletterte inzwischen in den Ring. Die Zuschauer hatten sich
von ihrer Überraschung erholt und begannen ebenfalls damit,
diesen Knirps von Wrestler auszulachen, sie johlten, kreischten,
buhten und brüllten Spottlieder. Der schmächtige Gladiator
ignorierte das alles und setzte sich in seine Ecke.
Der Herold hatte den Ring verlassen und der Schiedsrichter kam wieder
in die Mitte. Auf seine Aufforderung hin traten Hammerkopf und Gorirus
zu ihm. Er erklärte noch einmal die Regeln, das dauerte nur
kurz. Dann erklärte er den Kampf für eröffnet und
trat zur Seite. Die erste Runde wurde eingeläutet.
Hammerkopf hielt sich nicht damit auf, seinen Gegner erst einmal
zu sondieren, sondern griff ihn sofort an und stürmte geradewegs
auf ihn los wie Goliath auf David, bereit, den Gegner zu zerschmettern.
Die Menge feuerte ihn begeistert an. Doch Gorirus wich im letzten
Augenblick zur Seite aus und versetzte Hammerkopf einen Schlag in
die Rippen. Der Getroffene brüllte auf vor Schmerz, fiel zur
Seite hin um und landete hart auf den Brettern.
Mauerhofer sprang von seinem Sitz auf.
Was zum Teufel…?
Hammerkopf stemmte sich hoch und stand wieder auf. Auf seiner Seite
hatte sich ein blauer Fleck gebildet. Fassungslosigkeit stand in
sein Gesicht geschrieben. Er wandte sich seinem Kontrahent zu, der
sich ein paar Schritte zurückhielt und keine Regung zeigte.
Mauerhofer war bis auf das äusserste angespannt. Er registrierte,
dass Jarchow etwas sagte. „Ausserordentlich!“, sagte
der Genetiker ergriffen. Der Teamchef ging zunächst nicht darauf
ein und konzentrierte sich auf den Kampf.
Hammerkopf befühlte seine Rippen, es tat ihm offensichtlich
weh. Dann wandte er sich Gorirus zu, mit mörderischer Wut in
den Augen. Er lachte nicht mehr, er war zornig.
„Arschloch!“
Mit ausgebreiteten Armen, angespannten Muskeln und Geifer in den
Mundwinkeln stürzte er sich auf den Gegner, der ihn zu Fall
gebracht hatte. Dieser zeigte sich kein bisschen beeindruckt und
versetzte dem Rasenden einen schnellen Schlag direkt ins Kreuzbein,
ohne dass er unter dem Ansturm Hammerkopfs auch nur wankte. Der
wurde regelrecht zurückgeschmettert. Er schnappte nach Luft
und fiel auf die Knie. Gorirus versetzte dem anderen einen Fusstritt
an den Schädel. Hammerkopf wurde dadurch umgeworfen. Er versuchte,
wieder aufzustehen, Blut lief aus seinem Mund.
Gorirus wurde nun richtig aggressiv. Er packte seinen Gegner mit
beiden Händen am Kopf. Knallte sein Knie voll auf Hammerkopfs
Nase. Dieser brach sofort zusammen.
„Das kann nicht sein, das kann nicht sein…“ Mauerhofer
konnte nur noch stammeln.
„Sehen sie nicht, was Müsseler da geschaffen hat?“,
meinte Jarchow. „Verdammt, der Mistkerl ist ein Genie!“
Mauerhofer drehte sich zu dem Genetiker um. „Du bewunderst
ihn auch noch!“, schrie er ihn an und zeigte dann auf den
Ring. „Schau, was da passiert ist, Blödmann! Hammerkopf
ist besiegt, in der ersten Runde! Wir sind am Ende!“
Jarchow antwortete nicht darauf „Schauen sie!“
Etwas stimmte nicht. Der Ringrichter hatte Hammerkopf ausgezählt
und Gorirus feierlich zum Sieger erklärt. Doch der Sieger war
nicht zufrieden. Er stiess den Kampfrichter beiseite und brüllte
Hammerkopf an, der sich schwach bewegte: „Steh auf!“
Gorirus war immer noch in Rage und wollte weiterkämpfen, der
Kampf war ihm zu schnell vorbei gewesen. Nachdem sein hilfloser
Gegner nicht reagiert hatte, packte er ihn an Kopf und Hals und
schlug seine Zähne in dessen Genick, liess sich weder von den
Leuten seines Teams noch denen des anderen aufhalten. Gorirus verbiss
sich in Fleisch und Knochen von Hammerkopf, liess nicht los und
zerrte, bis Sehnen rissen, Muskeln zerfaserten und Knochen brachen,
Blut spritzte. Er zerrte mit aller Gewalt an dem Kopf und trennte
ihn schliesslich vom Rumpf. Der leblose Körper fiel zu Boden,
während Gorirus den Kopf triumphierend hochhob und umherschwenkte.
Blut spritzte auf die Zuschauer in den ersten Reihen, die von ihren
Plätzen aufsprangen und schreiend flüchteten. Gorirus
warf den Kopf in das Publikum, und sofort brach die Hölle los.
Die Leute gerieten in Panik und stürmten fluchtartig zu den
Ausgängen; sie stiessen einander rücksichtslos zur Seite,
stiegen übereinander und quetschten die Unglücklichen,
die unter diese menschliche Lawine kamen, zu Tode.
Gorirus, im Zentrum der Hölle, brüllte triumphierend seinen
Sieg hinaus.
Mauerhofer starrte entgeistert auf die Szene, die sich ihm darbot.
Er wollte gar nicht daran denken, was für Konsequenzen dieser
Tag haben würde.
„Ganz ausserordentlich“, sagte Jarchow schon wieder.
Mauerhofer hatte nicht mehr die Kraft, um den Genetiker zu beschimpfen.
„Wir sind ruiniert, kapierst du das nicht? Hammerkopf ist
tot“, stellte er statt dessen fest.
„Meiner Meinung nach wäre Hammerkopfs Zeit jetzt ohnehin
vorbei“, erklärte Jarchow. „Gorirus ist die Zukunft
des Mutantenwrestlings. Er ist tausendmal effektiver konstruiert
als alles, was wir bisher kennen. Müsseler hat die Genetik
auf ein ganz neues Level gebracht. Ich wette, das Militär reisst
sich bereits um ihn.“
Unten in der Halle waren die Sicherheitskräfte eingetroffen.
Einige versuchten, die Masse zu beruhigen, indem sie mit Feuerwehrschläuchen
kaltes Wasser über den Mob schütteten, während andere
die Verletzten betreuten und die Toten einsammelten. Gorirus hatte
sich inzwischen glücklicherweise beruhigt und wurde von seinem
Team in seine Kabine gedrängt. Mauerhofers Team war nirgends
zu sehen, wohl im Gedränge verloren gegangen.
Jarchow sagte zu seinem Boss: „Schauen sie auf den Bildschirm!“
Die Live-Übertragung des Kampfes war in eine Sondersendung
über dessen katastrophalen Ausgang übergegangen, Bilder
der Zerstörung liefen über den Schirm. Eine Nachrichtensprecherin
meldete, dass der oberste Sportrat eine sofortige Disqualifizierung
von Gorirus auf Lebenszeit beschlossen hatte. Damit wurde Hammerkopf
nachträglich zum Sieger erklärt.
„Unser Team hat also doch gewonnen!“, bemerkte Mauerhofer.
Jarchow widersprach ihm: „Raikönen hat uns heute gezeigt,
wer im Wrestling den Ton angibt.“
„Aber Gorirus ist disqualifiziert. Auf Lebenszeit!“
„Tut mir leid, aber das bedeutet gar nichts. Müsseler
hat in nur einem Jahr einen neuen Kämpfer erschaffen! Ich weiss
noch, Wachstumsbeschleunigung von Klonen war eine seiner Ideen.
Ich hielt das damals für unmöglich, aber wenn ich mir
die heutigen Ereignisse vor Augen führe…“
„Was machen wir denn nun?“
„Wir müssen herausfinden, wie er das geschafft hat. Wir
müssen unseren Rückstand in der Forschung nachholen, damit
wir Raikönen etwas entgegenzusetzen haben, wenn er seinen nächsten
Gladiator ins Rennen schickt.“
Mauerhofer merkte, dass er immer noch das Fernglas in der Hand hielt.
Er hob es an die Augen und spähte zur gegnerischen Loge. Raikönen
und Müsseler sassen immer noch an ihren Plätzen. Letzterer
hielt ebenfalls einen Feldstecher und winkte ihm mit einem breiten
Grinsen zu.
© 2004
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